Der Tod eines Ghettos
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Der Tod eines Ghettos

Dey Krohorm, auch „La Building“ genannt, ist ein ehemaliges Getto im Herzen Phnom Penhs. Anfang der 60er einst ein Prachtbau für Phnom Penher Beamtenfamilien, liegt der Häuserkomplex parallel zum Tonle Sap Fluss, in der Nähe des „Independence Monuments“.

Dey Krohorm war in den letzten Jahren ein großes Reizthema für Politik und Gesellschaft und Mittelpunkt vieler Auseinandersetzungen. 2005 wurde das riesige Areal an eine Privatfirma verkauft, die auf dem Land kostbare Immobilien bauen soll, ganz nach den Vorstellungen der Stadtväter und Regierungsangehörigen, die außerdem im Eiltempo aus Phnom Penh eine Vorzeigestadt Asiens betonieren wollen.

Die über 800 Dey Krohorm Familien sollten in einen Ort, 20 Kilometer außerhalb Phnom Penhs, umgesiedelt werden. Bloß befand sich in der neuen Heimat keine Infrastruktur, es gab keine sanitären Anlagen, keine Schulen oder andere wichtige Einrichtungen. Kompensationszahlungen wollte der neue Eigentümer, hinter dem – wie meistens - auch ein Regierungsmitglied steckt, nicht zahlen. Von Seiten der Anwohner brach natürlich Widerstand aus. Durch mehrere Schlägertrupps, Polizei- und Militäraktionen zwang man die Bewohner Dey Krohorms ihr Zuhause zu verlassen. Die Zwangsräumungen (evictions) standen im Mittelpunkt des öffentlichen Medieninteresses, zumal sich die Menschenrechtslage in Kambodscha auch schon durch den Verkauf des bekannten Travellerviertels am Boeung Kak Lake an eine Privatfirma, verschlechtert hatte.

Viele ausländische Hilfsorganisationen widmeten sich der Hilflosigkeit der Bewohner. Am Ende gewann aber doch die Kommerzialisierung. Im Januar 2009 verließen die letzten Verbliebenen das Areal. Das Getto wurde im Auftrag der Stadt in wenigen Tagen dem Erdboden gleich gemacht, damit mit dem Bau des neuen Phnom Penh zügig fortgefahren werden konnte.

Schon auf der ersten Reise fiel mir der Häuserkomplex entlang des Flusses auf. Zum ersten Mal betreten habe ich Dey Krohorm im Jahre 2004, als ich die mir damals noch unbekannte Srey Keo und deren Familie dort besuchte. Ihre Liebesgeschichte mit dem deutschen Journalisten Benjamin Prüfer wurde als Coverstory im Magazin „Neon“ und durch das Buch „Wohin du auch gehst“ in Deutschland medienwirksam publik gemacht.

In dem Bewusstsein ein nicht alltägliches Areal zu betreten, empfand ich Dey Krohorm als hochinteressanten Mikrokosmos. Zwischen den Wänden spielte sich ein Leben voller Gegensätze ab, die mich bedrückten, aber auch faszinierten. Das Getto lebte – so intensiv empfand ich das tägliche Treiben vor und im Gebäude. Kriminalität, Prostitution, Elend, Schmutz und Armut lebten im gleichen Atemzug mit Familie, Heimat, Leben und Lieben.

2008 habe ich in Begleitung von Srey Keos jüngerer Schwester Chamney, die im Staatsensemble der Apsara Tänzerinnen arbeitete, Dey Krohorm wieder besucht um für eine kleine Reportage zu fotografieren. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass ich mir die letzte Gelegenheit zu Nutze machte die Gesichter der Bewohner auf Fotos zu bannen.

Chamney führte mich durch den Häuserkomplex, in dem sie aufgewachsen war und immer noch viele Freunde und Bekannte hatte. Die wenigen Familien, die ihre Sachen noch nicht gepackt hatten, gingen ihrem alltäglichen Zusammenleben nach, ohne den Anschein zu vermitteln bald ihr Zuhause verlassen zu müssen. Aber, wie auf den Fotos zu sehen, drückten ihre Gesichter doch schon den schmalen Grad zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit aus.

Im hinteren, offenen Teil des Komplexes, dort wo sich meterhoch der Dreck türmte, befand sich versteckt ein kleines Waisenhaus, wo Chamney den Englischunterricht besuchte und in ihrer Freizeit vielen kleinen Mädchen den Apsaratanz beibrachte.

Der Direktor des Waisenhauses lief uns zufällig über den Weg. Mit gedrückter Mine und Tränen in den Augen erzählte er uns, dass er das Waisehaus am nächsten Tag räumen müsse. Ein Schicksal, dass allen Bewohnern Dey Krohorms Monate später widerfuhr.

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